CALL-ME-RICHARD

Es fing damals 1983 an, als ich mit meiner Stahlsloop „Dorothee“ durch die französischen Kanäle zum Mittelmeer schipperte. Es gab regelmäßig mühsames Buchstabieren bei den Vorstellungen, eh’ ich auf die gute Idee mit meinem Mittelnamen kam. Und den behielt ich auch bei, als die „Flicka“ die „Dorothee“ ablöste.
Die „Flicka“ misst 12,50 m über alles bei nur drei Meter Breite. Als gemäßigter Kurzkieler ist sie wendig wie ein Zirkuspferd, was sich besonders angenehm bemerkbar macht, wenn es rückwärts in engste Parklücken an der Pier gehen soll.
Als wir der Originalversion noch anderthalb Meter für eine Achterkajüte ans Heck anbauten, gaben wir ihr noch einen kleinen Besanmast mit. Nun ist die „Flicka“ also eine Yawl. Obwohl der Besan vor dem Ruder und innerhalb der Konstruktions-Wasserlinie steht, bin ich nicht bereit, bei dem Rigg von einer Ketch zu reden. Schließlich ist der Besan nur halb so hoch wie der Großmast.
Warum dann überhaupt den Besan? Ich sage nur: „Rentner-Rigg“! Bei diversen Sturmfahrten (und da meine ich neun bis zehn Beaufort) hat sich dieses Rigg wunderbar bewährt. Nur unter Fock und Besan hat sich die „Flicka“ hoch am Wind relativ bequem, trocken und trotzdem schnell zum Zielhafen steuern lassen. Und wenn es nach Einbruch der Dunkelheit zu häßlich wurde, weil man die anrollenden Brecher nicht mehr rechtzeitig erkennen konnte, da haben wir beigedreht und sind in die Koje gegangen. So einfach ist das mit dem Rentner-Rigg

Ich fürchte, meine Domäne bedarf einer näheren Erklärung. „Call-me-Richard“, das klingt doch etwas seltsam,  wenn jeder, den es angeht, weiß, dass ich schlicht und einfach Eberhard heiße, einfach Eberhard, am Ende mit einem ‘d’. Weil ich aber die letzten 17 Jahre nur auf Urlaub in Deutschland war, musste ich andere Erfahrungen machen. Als meine Eltern mich auf diesen Namen taufen ließen, gingen sie davon aus, dass man ‘Eberhard’ nicht verniedlichen oder sonstwie verändern könne. ‘Kurtchen’, ‘Peterlein’ oder gar ‘Hansi’ waren meiner Mutter ein Gräuel. Dass eine spätere Generation sich wenig an solche Vorgaben halten werde, dass ahnte meine Mutter seinerzeit nicht.
Sie ahnte allerdings auch nicht, dass außerhalb der deutschen Reichsgrenzen mit Ausnahme vielleicht von Österreich oder der Schweiz der Name Eberhard entweder so gut wie unbekannt oder, schlimmer noch, nicht aussprechbar ist. Na schön, in Spanien gab es  - wahrscheinlich noch von den ollen Westgoten her - den ‘Eberhardo’, heute völlig antiquiert und nahezu ausgestorben. Wahrscheinlich läuft ein  heruntergekommenes Exemplar noch immer irgendwo in völlig unzugänglichen Gebirgsschluchten mit einem Bärenfell behangen durch das Gebüsch und trinkt Met statt Vino Tinto.
Nach England ist dieser Bärenhäuter auch gekommen, vermutlich mit den Angeln oder den Sachsen. Dort hat er als ‘Everard’ überlebt. Zwei junge Engländerinnen wollten sich ausschütten vor Lachen, als ich mich mit meinem Namen vorstellte. Und erst nach näherem intensivem Befragen erfuhr ich unter Gekicher, dass ‘Everard’ der Hauptdarsteller englischer Schwulenwitze sei. Und noch viel schlimmer - hier wurden die beiden Damen rot im Gesicht -  besonders bösartige Engländer sprechen diesen Namen getrennt und mit einem ‘h’ in der Mitte.
Nein, das wollte ich mir nicht antun. Und weil meine Eltern mir noch zusätzlich den Mittelnamen ‘Richard’ gegeben hatten, da entstand also ‘Eberhard-call-me-Richard’. Na schön, in der Türkei riefen mich meine Freunde Ibrahim und in Israel lief ich streckenweise unter Abraham (englisch ausgesprochen klingt es fast wie ‘Eybrahäm’). Aber das waren nur vorübergehende Etiketten. Meine Freunde in den mediterranen Yachtrevieren kennen mich  nun unter diesem Bindestrich-Namen, und so soll es bleiben.

Falls irgend jemand irgend eine Frage zum Thema Rentner-Rigg oder zum Segeln an der türkischen Mittelmeerküste hat, ich will gern antworten.

Zu erreichen bin ich unter eberhard@call-me-richard.de